Eine Geschichte

 

Es war wirklich nicht mehr zu übersehen. Sie wurden weniger. Zügig hatte ihre Zahl und gewaltig ihr Einfluss in den letzten Jahren abgenommen. So wurde beschlossen, eine Versammlung abzuhalten, um die Lage zu besprechen. Landaufwärts, landwabwärts verbreitete sich die Nachricht, dass es ein Treffen geben sollte, schnell. Und so strömten in jener Nacht ein ganzes Heer von Gefühlen zum Versammlungsort; ein ganzes Heer von Gefühlen, das sich unterdrückt, verdrängt, überspielt, versteckt, abgewiesen, ausgenutzt und auch diskriminiert fühlte.

Es soll an dieser Stelle einmal erwähnt werden, dass es grundsätzlich zwei Arten von Gefühlen gibt. "Sicher", höre ich jetzt so manchen sagen, "gute und schlechte!" So wird es oft dargestellt und ich meine, dass diese Bewertung und Einordnung einmal eines der Themen auf der Tagung der Gefühle sein sollte. Richtig ist, dass es zwei Arten gibt. Jedoch nicht "gut und schlecht" bilden den Unterschied, sondern "echt und unecht".

Die Versammlung, zu der in jener Nacht die Gefühle zusammenströmten, war ein Treffen der echten Gefühle, kurz "die Echten" genannt. Ihre Aufgabe und Wirkung besteht darin, den Menschen wirklich lebendig sein zu lassen. Wenn ein Mensch seine echten Gefühle kennt, akzeptiert und den Mut hat, zu ihnen zu stehen, damit leben zu können, fühlt er sich stabil, wohl und gut. Das ist nicht misszuverstehen: Es gibt durchaus Konflikte in solch einem Leben. 

In jüngster Vergangenheit breiteten sich ganz massiv "die Unechten" aus und schienen immer mehr Anklang zu finden, also die Gefühle, die eigentlich nur Ersatz für die Echten waren. Natürlich waren an diesem Abend der Echten auch Spione von der anderen Seite vertreten: Sie sollten Informationen sammeln, um so gegebenenfalls Maßnahmen der Gesellschaft der Echten rechtzeitig unterwandern zu können. Für die Unechten war es eine Leichtigkeit, sich unter die Echten zu mischen, da die Ersatzgefühle Meister in der Fähigkeit sind, als echt daherzukommen.

Doch nun wollen wir einmal hören, was es auf der Versammlung zu besprechen gab.

Eines der Echten eröffnete den Abend: "Liebe Mitgefühle! Kaum einem von uns ist entgangen, dass wir, die echten Gefühle, immer weniger mit den Menschen zusammenkommen, angenommen werden und wirken können. Die Unechten, dieses scheinheilige Gesindel, dagegen sind gut im Geschäft. Sie mussten sich sogar dringend vermehren, um den Bedarf decken zu können. Auch haben sie äusserst erfolgreich eine Kampagne gegen diejenigen von uns durchgebracht, die nicht angenehm erscheinen und deshalb oft als negativ abgetan werden. Da werden mir die Geschwister Wut und Ärger, das Selbstvertrauen, der Ehrgeiz ebenso wie die Trauer, die Angst und die Furcht und viele andere zustimmen; eben all jene, die angeblich nicht mehr gesellschaftsfähig und `angebracht`sind. Lasst uns gemeinsam überlegen, ob wir etwas tun können, damit die Menschen tiefer fühlen, uns akzeptieren und dadurch auch selbst echter werden."

Es wurde eine lange Nacht.

Nach diesen einleitenden Worten meldete sich ein Gefühl zu Wort, gross und mächtig von Statur, jedoch verhärmt und verunsichert in der Ausstrahlung. "Ich bin Stellvertreter für die Wut. Wie unser liebes Mitgefühl einleitend ganz richtig sagte, haben wir Wutgefühle immer weniger Gelegenheit, zum Ausbruch zu kommen. Wir können, ebenso wie der Ärger, den Menschen noch so sehr quälen, bedrängen - oftmals kommen wir damit nicht durch. Überall hört man auch, der Mensch soll sich  `im Griff` haben, `sich zusammenreissen`, nur keine `Blöße` zeigen usw." - Hier gab es zustimmendes Gemurmel und Applaus, denn die Wut hatte einen wichtigen Punkt angesprochen, der fast allen Gefühlen Schwierigkeiten machte.  Durch die allgemeine Zustimmung sichtlich ermuntert, setzte die Wut ihre Rede fort: "Meine Konkurrenten Zerstreuung, Unehrlichkeit, Heuchelei und wie sie alle heissen, machen mir schwer zu schaffen. Aber besonders besorgt bin ich darüber, dass ich unsere allerhärtesten Gegner immer häufiger antreffe..." Hie machte die Wut, deren Rede immer flammender wurde, eine bedeutungsvolle Pause. - "Immer mehr begegne ich bei den Menschen der Angst mit all ihren Varianten im Schlepptau; von der Feigheit über die Ungerechtigkeit bis hin zur Selbstaufgabe und Resignation. Wenn ich auch noch so heftig tobe, so gelingt es den Menschen doch erstaunlich oft, mich zu unterdrücken und wegzustecken. Und es würde euch schaudern, wüsstet ihr, wie viele darauf auch noch sooooo stolz sind...."

"Stolz sind! Das glaubst du doch wohl nicht wirklich! Meine liebe Wut, wenn ich auch all deinen bisherigen Ausführungen zustimmen kann, hier muss ich einhaken", meldete sich hocherhoben ein Vertreter des Stolzes. - "Wir wissen wohl alle, dass es sich hier um den falschen Stolz handelt, der von den Unechten so eifrig angepriesen wird. Wirklichen Stolz kennen doch nur die wenigsten." - "Sicher, da muss ich dir zustimmen", räumte die Wut ein. "Ich habe mich etwas ungenau ausgedrückt. Auch mir ist lange kein Mensch mehr begegnet, der wirklich stolz war. Wie ich schon sagte, sind die meisten angepasst." "Und", so fuhr die Wut fort, "das Ärgste ist, ich bin sicher, dass die meisten Menschen, die so weit von ihren echten Gefühlen entfernt sind, sich gar nicht wohl fühlen." - "Da kann ich nur zustimmen, leider", meldete sich ein sehr zart und zerbrechlich anmutendes Gefühl zu Wort. "Ich bin die Liebe", sprach es, "und wenn ich euch erzähle, was die Menschen mir und damit sich selbst antun, wird noch deutlicher, wie schlimm und bedenklich die Situation ist. Fast immer, wenn ich auftauche, ist das ja - das wird hier niemand abstreiten - ein erfreuliches Ereignis. Wie oft werde ich herbeigesehnt, gewünscht und sogar besungen. Aber bald schon - und oft stehe ich fassungslos davor, wie schnell - gibt es Probleme, Probleme die daraus entstehen, dass die meisten Menschen mich gar nicht richtig verstehen. Liebe verspüren heisst für viele, Ansprüche stellen zu können, den anderen formen und lenken zu wollen, ihm Vorschriften machen zu können usw. Naja, ihr kennt das ja alle. Es gibt Tausende von Varianten, die die Menschen erfinden, um sich zu quälen. Und so fühle ich mich manchmal machtlos und gerupft durch die Eifersucht und die daraus entspringende Unehrlichkeit und Intrige. Diese Scheingefühle haben die Unechten ja nur zu gut eingeführt." - Die Stellvertreterin für die Liebe machte eine Pause und tat einen tiefen Seufzer. "Ihr könnt bestimmt nachfühlen, wie mir zumute ist, wenn ich bei zwei Menschen erwacht bin und wenn sie mich dann - nach all den Phasen der Eifersucht, der Gewöhnung, der Unehrlichkeit und Feigheit - zerstören. Und sollten sie sich abfinden, dann fristen sie ihr Leben in Anpassung und Selbstaufgabe nebeneinander her vor dem Fernsehgerät, oft angefüllt mit Alkohol und Tabletten oder anderen Drogen."

"Meine liebe Liebe", sagte da eine leise, aber doch auffallend feste Stimme. "Du sprichst bei diesen Menschen von `sich abgefunden haben`und von `Selbstaufgabe`. Wenn dem wirklich so wäre, dann wäre das ja nicht so schlimm, aber im allgemeinen herrschen auch hier die Unechten. Es handelt sich um Resignation und auch um die Lüge. Was den Alkohol, die Tabletten und all den anderen Ersatz betrifft, gebe ich dir natürlich recht", seufzte die Demut. - "Wie sollten sie es denn auch sonst aushalten", warf die Enttäuschung ein. "Ihr glaubt kaum, wie oft wir, die Enttäuschung, der Schmerz, die Trauer, die Wut, durch diese Mittelchen verdrängt werden sollen!" - "Und dann glauben die Menschen noch, sie hätten mich erreicht", maulte die Zufriedenheit. "Nichts haben sie erreicht, ausser billigem Ersatz und Selbstbetrug", fügte sie unzufreiden hinzu.

So ging das die ganze Nacht hindurch. Die Spitzel von der Gegenseite machten sich eifrig Notitzen.

Der Egoismus beschwerte sich lang und eindringlich über die Diskriminierung, die ihm seit langem widerfuhr: "Wenn die Menschen aus lauter Angst vor mir nur noch sich anpassen, gegen sich leben und dann zwangsweise hinterhältig und intrigant werden, kann ihnen das ja letztendlich einfach nicht gut tun. Wie oft stehe ich dem hilflos gegenüber", endete er schliesslich leise. - Die Zuneigung, die Verantwortung, die Geborgenheit, der Hass, die Neugier und der Ekel, sie alle meldeten sich zu Wort. Nur noch eine lange Rede des Selbstvertrauens will ich wiedergeben. Was die anderen zu berichten hatten, wissen wir eigentlich alle selbst: Wir wissen es, wenn wir ganz ehrlich zu uns selber sind.

Der Stellvertreter für das Selbstvertrauen war der vorletzte Redner. "Liebe versammelte Gefühlswelt", begann er vorsichtig. "Es soll keine Protzerei sein, aber ihr wisst alle, welchen Stellenwert ich in unserer Welt und bei den Menschen habe. Oftmals bedarf es erst meiner, damit andere Gefühle eine echte Basis, eine Chance haben - und der Mensch auch." - Hier gab es wieder einmal Zustimmung. Das Selbstvertrauen, seines Standes gerecht werdend, brauchte diese zwar nicht, freute sich aber doch darüber und fuhr fort: "Weil ich und alle meine Kollegen aber so wichtig sind, begegnet uns ein relativ neues Problem: Die Gegenseite hat uns zu einem Modewort kreiert. Das hat ausgesprochen fatale Folgen. Wir wissen alle, dass viel Menschen, um uns als Gefühl aufzubauen, manchmal Hilfe von anderen brauchen. Das ist sehr ernst zu nehmen. Seit aber die Unechten es geradezu modern gemacht haben, Selbstvertrauen zu üben, Selbstverwirklichung zu suchen, Selbstbehauptung zu trainieren oder wie immer sie das nennen und verpacken, gibt es ein solches Überangebot an angeblichen Wegen zum `Seelenheil` und ein solches Durcheinander, dass die Menschen überhaupt nicht mehr Bescheid wissen und vom echten Selbstvertrauen sehr weit entfernt sind oder ihnen manchmal der letzte Rest geraubt wird. Und die Unechten verdienen daran sehr gut und stellen einfach alle wirklich echten Bemühungen, Selbstvertrauen zu erlangen, als veraltet hin. Es ist sogar soweit gekommen, dass Menschen, die wirklich Hilfe suchen (Hilfe brauchen ja noch mehr), sich verunsichern lassen und nun auch bald meinen, Selbstvertrauen könne man ihnen einsetzen wie einen Herzschrittmacher oder wie Zahnersatz einbauen oder aufkleben wie ein ABC-Pflaster. Und schon sind die Menschen wieder da, wo sie schon einmal gescheitert sind, sie legen die Verantwortung für ihr Wohlbefinden in andere Hände... und wo, bitte, bleibe ich da!?", schloss das Selbstvertrauen.

Wie schon gesagt, es wurde eine lange Nacht.

Die Gefühle, so unterschiedlich sie auch sind, kamen am Ende überein, dass sie es auf keinen Fall noch einmal riskieren wollten, die Menschen für eine Nacht zu verlassen, um weitere Versammlungen abzuhalten. Wie Beobachter berichteten, war zuviel in dieser Nacht passiert, als die Menschen einmal ohne echte Gefühle waren. - Gott sei Dank war es nur eine Nacht, aber die Verantwortung trat ganz entschieden dafür ein, dass ein weiteres Treffen ein zu grosses Risiko sei, weil die Menschen damit völlig von den Gefühlen verlassen seien. - Angst und Furcht malten daraufhin beeindruckend aus, was hätte geschehen können, hätte dieses Treffen tagsüber stattgefunden. - Somit hatte die Hoffnung das Schlusswort: "Wenn wir Echten uns nur in der Nacht wegstehlen können und uns sicher sind, es gäbe eine Katastrophe, wären wir einen Tag nicht da, dann können wir sicher davon ausgehen, dass die Unechten uns war kurzfristig ersetzen können, auf Dauer aber nie. Dazu sind wir zu tief im Menschen verwurzelt. Wir Echten gehören einfach zum Menschen und in diese Welt. Wir sind nicht unter den Tisch zu diskutieren, und wir müssen uns verstärkt durchsetzen, bei den Menschen konsequent bemerkbar machen, damit sie aufwachen und ihre Chancen wahrnehmen. Manchmal wird es ihnen weh tun, und sie werden lange brauchen, bis sie uns wieder zulassen und unseren Wert erkennen, uns sie werden zu kämpfen haben mit denen, die länger schlafen und sich den Unechten hingeben. Aber ich bin sicher, dass wir letztendlich den Sieg davontragen....", so endete die Hoffnung. - Sie erhielt Beifall, wenn auch nur geteilten. - Einig jedoch waren sie sich, dass sie als Gefühle dem Menschen zwar beistehen können, dass sie aber nicht allein für sein Wohlbefinden verantwortlich sind. Das ist der Mensch mit seinem Verstand im gleichen Maße. Und gerade auch dieser Verstand ist ein ernstzunehmender Gegner, wenngleich er ursprünglich als Partner der Gefühle gedacht ist. Die Unechten gehen jedoch in der Regel über den Verstand. Sie hatten das Denken des Menschen schon zum Teil erobert; was ein weiteres Hindernis für die Gefühlswelt darstellt. - Die Gefühle trennten sich mit dem festen Vorsatz, sich weiterhin in den Menschen bemerkbar zu machen und niemals aufzugeben.

Hast Du es auch schon gespürt?    

                                                                                                                                     (Kristiane Allert-Wybranietz)

                                                  

                                   

Insel der Gefühle

Vor langer, langer Zeit existierte eine Insel, auf der alle Gefühle der Menschen lebten:

Die gute Laune, die Traurigkeit, das Wissen....und so wie alle anderen Gefühle, auch die Liebe.

Eines Tages wurde den Gefühlen mitgeteilt, dass die Insel sinken würde. Also bereiteten alle ihre Schiffe vor und verließen die Insel.

Nur die Liebe wollte bis zum letzten Augenblick warten.

Bevor die Insel sank, bat die Liebe um Hilfe.

Der Reichtum fuhr auf einem luxuriösen Schiff an der Liebe vorbei. Sie fragte: "Reichtum, kannst Du mich mitnehmen?"

"Nein, ich kann nicht. Auf meinem Schiff habe ich viel Geld, Gold und Silber. Da ist kein Platz für Dich."

Also fragte die Liebe den Stolz, der auf einem wunderbaren Schiff vorbeikam:
"Stolz, ich bitte Dich, kannst Du mich mitnehmen?"

"Liebe, ich kann Dich nicht mitnehmen...." antwortete der Stolz, "hier ist alles perfekt. Du könntest mein Schiff beschädigen."

Also fragte die Liebe die Traurigkeit, die an ihr vorbeiging: "Traurigkeit, bitte, nimm mich mit."

"Oh, Liebe" sagte die Traurigkeit, "ich bin so traurig, dass ich alleine bleiben muss."

Auch die gute Laune ging an der Liebe vorbei, aber sie war so zufrieden, dass sie nicht hörte, dass die Liebe rief.

Plötzlich sagte eine Stimme:

"Komm Liebe, ich nehme Dich mit!" Es war ein Alter, der sprach. Die Liebe war so dankbar und so glücklich, dass sie vergaß den Alten nach seinem Namen zu fragen. Als sie an Land kamen, ging der Alte fort.

Die Liebe bemerkte, dass sie ihm viel schuldete und fragte das Wissen:

"Wissen, kannst Du mir sagen, wer mir geholfen hat?"

"Es war die Zeit - Väterchen Zeit", antwortete das Wissen.

"Die Zeit?" fragte die Liebe, "Warum hat die Zeit mir geholfen?"

und das Wissen antwortete:

"Weil nur die Zeit versteht, wie wichtig die Liebe im Leben ist!"

                              

 

Puzzleteile

Ich habe sie lange vor mir her geschoben, die Suche nach mir selbst. Jetzt wo ich mich auf sie begebe, merke ich, wie wichtig sie ist. Doch wo kann ich sie finden? In mir selbst. Also gehe ich in mich selbst hinein, in meine Seele und finde dort hinter Spinnweben eine Kiste mit meinem Namen drauf. Ich hole sie hervor, wische den Staub der Jahre weg und öffne zaghaft den Deckel. Er knirscht ein wenig. Ich werfe einen Blick in die Kiste und sehe tausende von Puzzleteilen wild durcheinandergeworfen.

Ich setze mich hin und kippe die Kiste aus. Da liegen sie nun, die Teile aus denen ich bestehe. Ich habe schon lange nicht mehr gepuzzelt. Als Kind habe ich fast immer zuerst den Rahmen zusammen gesetzt, das war am einfachsten. Also suche ich die Teile mit einer geraden Seite und stelle fest, daß es keine gibt. Klar, ein Rahmen bedeutet Abschluß, eine Grenze, er läßt keine Erweiterungen zu. Ich gebe meine Suche auf und versuche Teile nach Ähnlichkeit zu sortieren, was auch nicht so recht gelingen will, denn keines ist dem anderen gleich und zusammen fügen lassen sie sich auch nicht nach diesem Schema. Das wird schwerer als ich dachte. Ich muß langsam vorgehen, Stück für Stück probieren und begreifen.

Ich schließe meine Augen und greife nach einem Puzzleteil. Es war warm und weich zwischen meinen Fingern, es fühlt sich gut an. Es ist meine Fröhlichkeit, tausend ewig währende Augenblicke in einem winzigen Teil. Ich lächle und lege es ab. Das nächste Teil ist kratzig und hart, die Oberfläche gleicht einem rauhen Stein. Es ist ein Stück der Mauer, die ich um mich herum aufgebaut habe. Schnell lege ich dieses Teil aus der Hand und nehme mir vor, die Mauer mit der Zeit ganz einzureißen. So greife ich Puzzleteil für Puzzleteil und wie von selbst fügen sie sich zusammen.

Das Teilchen Mut ist stark und unzerbrechlich, das Teilchen Angst besteht aus Zweifel, ist dunkel und mächtig. Gleich daneben paßt das Teilchen Schmerz aus dem Salz der Tränen. Das Teil der Leidenschaft glüht noch in meinen Händen und ruft ein kribbeln hervor. Am vielfältigsten sind die Puzzleteile meiner Gedanken. Sie weisen vom tiefsten Schwarz bis zum strahlenden Weiß alle Farbmöglichkeiten und Variationen in der Beschaffenheit auf.

Ich begegne Teilen meine Fähigkeit und stelle fest, daß es nicht wenige sind. Es gibt auch Teile aus Wunden, manche mit einer Narbenschicht überzogen. Die Wunden schmerzen und die Narben sind häßlich und hart und doch gehören sie genauso zu mir, wie das klingende Teilchen meines Lachens. Das Teilchen Stolz ist hart und glatt, alles prellt an ihm ab, es ist unbiegsam und läßt sich schwer einfügen. Dann halte ich das Teilchen Liebe in meinen Händen. Es ist von stetiger Veränderung und doch in sich gleichbleibend, es beinhaltet unzählige Bilder und ... - es ist wunderschön. Danach kommt, was kommen muß, der Hass. Gewaltig und laut nimmt er Besitz von mir. Und auch wenn ich ihn nicht mag, so muß ich doch zugeben, daß er mir Kraft verleiht.

Ich entdecke Puzzleteile mit Fingerabdrücken und sehe die Menschen vor mir, die sich hinterlassen haben, Erziehung und Freundschaft haben mich geprägt. Die Puzzleteile meiner Träume und Wünsche sind durchzogen von Freunden und Ängsten, sie verlangen Mut und versprechen gar nichts und doch alles. Ich halte sie lange in der Hand ehe ich sie dem Puzzle zufüge.

Übrig bleiben jetzt noch ein paar dunkle Teilchen, von denen ich nicht weiß, was sie bedeuten, wie sie entstanden. Ich nenne sie Verdrängung und fülle mit ihnen  die Lücken im Puzzle aus. Eines Tages werde ich sie begreifen.

Da liegt es nun vor mir, dieses eigenartige Puzzle. Das also bin ich, hier und jetzt. Ich habe etwas mehr begriffen, wer ich bin, sehe Horizonte und keine Grenzen ...


... immer noch Erweiterungsfähig Autor: leider Unbekannt

                        

Der weiße Kieselstein

Ich möchte hier die Geschichte von dem weissen Kieselstein erzählen.

Er lag unter Tausenden von anderen Kieselsteinen in allen Farben und

Formen und Grössen am Strand.

Eine lange Zeit war er sich seiner selbst nicht bewusst gewesen, hatte

am Tag die Wärme der Sonne

in sich aufgenommen und sie an die Kühle der Nacht abgegeben.

Doch eines Tages erwachte sein Selbstbewusstsein. Und er erkannte, dass

er ein annähernd runder

und gänzlich weisser Kieselstein war - einer unter unzähligen. Es

machte ihn sofort traurig, nur ein

kleiner Teil einer riesigen Masse zu sein. Wohin der Kieselstein auch

blickte, sah er nichts als Kieselsteine.

Wie sehr beneidete er die Palme in seiner Nähe, deren Schatten jeden

Tag

eine Weile auf ihm ruhte. Sie

stand allein und schön am Strand. Sie war einmalig, etwas ganz

Besonderes. Und auch das Meer in seiner

mächtigen Endlosigkeit, dem sprühenden Spiel seiner Brandung - war es

nicht bewundernswert?

In ständiger Bewegung, Ebbe und Flut erzeugend und dennoch

geheimnisvoll

in sich ruhend.

Und was war er dagegen? Ein unbeweglicher, kleiner, weisser

Kieselstein,

irgendwann an den Strand

gespült und dort liegen gelassen - der Hitze der Sonne, der Kälte der

Nacht preisgegeben, Regen und

Sturm ausgeliefert; und nur einer unter unzähligen seiner Art.

Er war nicht einmal unter seinesgleichen etwas Besonderes. Da gab es

grosse, schwere Steine, die

so leicht kein Sturm bewegen konnte. Andere besassen wunderschöne

Farben

und Muster. Und seine

Traurigkeit über sich selber wurde noch grösser. Wie gern hätte er mit

dem Meer getauscht, mit den

Vögeln in der Luft, mit den Sternen am Himmel. Was half ihm sein

erwachtes Selbstbewusstsein,

wenn es ihm nur zeigte, wie klein und unbedeutend er war. Wenn er

wenigstens ein paar schöne

Farben hätte - oder zumindest eine feine Maserung, wie so viele Steine

in seiner Nähe!

Eines nachts wachte der Stein aus tiefstem Schlaf auf. Am Himmel

strahlte der Vollmond und

tauchte den Strand in ein seltsames, zartes Licht.

Plötzlich hörte der weisse Kieselstein die leisen Stimmen zweier

anderer

Steine, deren Gespräch

der Wind zu ihm trug. Als er merkte, dass sie über ihn sprachen,

lauschte er aufmerksam,

damit ihm kein Wort entging.

"Schau mal, der Weisse dort. Sieht er nicht wunderschön aus im

Vollmondlicht? Er ist mir noch

nie aufgefallen."

"Er hat wohl die Schönheit, die sich nur in einem bestimmten Licht

offenbart. Gegen sein

leuchtendes Weiß wirken alle anderen Steine ganz blass. Ob er weiss,

wie

wunderbar er

anzuschauen ist?"

Am liebsten hätte der weisse Kieselstein jetzt vor Freude einen Sprung

ins Meer gemacht.

"Er liegt da wie eine grosse, weisse Perle, eben und rund. Ich wollte,

ich wäre an seiner Stelle!"

Nun drehte sich der Wind und trug die leisen Stimmen der beiden Steine

in eine andere Richtung.

Doch der weisse Kieselstein hatte genug gehört. Er dachte eine Weile

nach und begriff plötzlich,

dass es den anderen Steinen genauso ging wie ihm: Auch sie sehnten sich

danach, anders zu

sein, als sie waren. Und gerade die beiden Steine, die so gut über ihn

sprachen, hatte er wegen

ihrer Grösse schon oft beneidet.

Vielleicht ging es ja sogar der Palme so! Womöglich wollte sie lieber

das Meer sein oder

die Sterne am Himmel. Und das Meer wollte am Ende lieber das Land sein.

Was mochte es nur

sein, ws einen so unzufrieden mit sich selbst machte, überlegte der

weisse Kieselstein.

Durch Zufall hatte er erfahren, dass er in einem bestimmten Licht schön

und wunderbar anzuschauen

war. Das hätte er nie für möglich gehalten. Gab es da nicht vielleicht

noch anderes Gutes an ihm,

das er noch nicht entdeckt hatte? Und so versuchte der weisse

Kieselstein zum ersten Mal in seinem

Leben, mit sich selber einverstanden zu sein.

Mit der Zeit fühlte er sich immer wohler in seinem glatten, weissen

Körper.

Sicher, er war immer noch der Stein unter unzähligen anderen, aber es

störte ihn nicht mehr.

Auch mit seiner Unbeweglichkeit hatte er sich abgefunden. Er lag an

einem bestimmten Ort und

dort würde er immer liegen bleiben, allein vom starken Wind manchmal

leicht bewegt. Da ging

es ihm wie der Palme, wie dem Himmel und dem Meer. Auch sie konnten den

Ort ihres Daseins

nicht verlassen. Sie waren keine Vögel. So musste es wohl auch sein. Er

hatte verstanden.

Seine Sehnsucht danach, mehr von der Welt zu sehen als diesen Strand,

war entgültig überwunden.

In der nächsten Vollmondnacht ging ein Liebespaar den Strand entlang.

Die junge Frau entdeckte

den Kieselstein und sagte zu ihrem Freund: "Schau, wie schön er im

Mondlicht leuchtet! Wie eine

grosse Perle!"

Die Frau bückte sich, nahm den weissen Kieselstein in die Hand und

betrachtete ihn mit freudigen,

glänzenden Augen. Dann steckte sie ihn in die Tasche....

                               

                                 

 


Das schönste Herz

Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt
und erklärte,
dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe. Eine
große Menschenmenge
versammelte sich, und sie alle bewunderten sein Herz,
denn es war perfekt.
Es gab keinen Fleck oder Fehler an ihm. Ja, sie alle
gaben ihm recht, es war wirklich das schönste Herz,
was sie je gesehen hatten. Der junge Mann war sehr
stolz und prahlte lauter über sein schönes Herz.

Plötzlich tauchte ein alter Mann vor der Menge auf und
sagte: "Nun, dein Herz ist nicht mal annähernd so
schön, wie meines." Die Menschenmenge und der junge
Mann schauten das Herz des alten Mannes an. Es schlug
kräftig,
aber es war voller Narben, es hatte Stellen, wo Stücke
entfernt und durch andere ersetzt worden waren.
Aber sie passen nicht richtig, und es gab einige
ausgefranste Ecken.
Genauer an einigen Stellen waren tiefe Furchen, wo
ganze Teile fehlten.
Die Leute starrten ihn an: Wie kann er
behaupten, sein Herz sei schöner, dachten sie?
Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah
dessen Zustand und lachte: "Du musst scherzen", sagte
er: "Dein Herz mit meinem zu
vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein
Durcheinander aus Narben und Tränen."
"Ja", sagte der alte Mann, "deines sieht perfekt aus,
aber ich würde niemals mit dir tauschen. Jede Narbe
steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben
habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und
reiche es ihnen, und oft geben sie mir ein Stück ihres
Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt.
Aber weil die Stücke nicht genau sind, habe ich einige
raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern
mich
an die Liebe, die wir teilten.
Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens
gegeben, ohne dass mir der andere ein Stück seines
Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren
Furchen. Liebe geben heißt manchmal auch ein Risiko
einzugehen. Auch wenn
diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und
auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese
Menschen empfinde. Und ich hoffe, dass sie eines Tages
zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst
du
jetzt, was wahre Schönheit ist?"

Der junge Mann stand still da und Tränen rannen über
seine Wangen. Er ging auf den alten Mann zu, griff
nach seinem perfekten jungen und schönen Herzen und
riss ein Stück heraus. Er bot es dem alten Mann mit
zitternden
Händen an. Der alte Mann nahm das Angebot an, setzte
es in sein Herz. Er nahm dann ein Stück seines alten
vernarbten Herzens und füllte damit die Wunde des
jungen Mannes Herzen. Es passte nicht perfekt, da es
einige ausgefranste Ränder hatte. Der junge Mann sah
sein Herz an, nicht mehr perfekt, aber schöner als je
zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in
sein Herz fließen. Sie umarmten sich und gingen weg.

                         

Ein Gespräch

"Ein Vogel, der fliegt, ist immer besser, als einer im Käfig. Denn sein

Reich ist der Himmel und die Erde.

Das Reich eines Vogelkäfigs ist ein winziger Raum, hinter Gitterstäben.

Und diesen winzigen Raum nennen

viele Menschen Liebe, Freundschaft, Ehe, Familie"

"Ich verstehe Deine Worte. Ein jeder, der tief nachdenkt, wird zu der

gleichen Einsicht gelangen. Dennoch

opfern die meisten Menschen das höchste Gut, die Freiheit, für ihre

scheinbare Sicherheit. Sag, warum

verkaufen die Menschen den grössten Schatz ihres Lebens an die Illusion

der Sicherheit?"

"Weil das menschliche Leben von Natur aus unsicher ist. Das macht ihnen

grosse Angst; sie hätten es

lieber vollkommen sicher. Doch das Leben ist nun einmal unwägbar -

morgen schon kann es zu Ende

sein. Keiner von uns ist dagegen gefeit. Sicher haben wir nur diesen

Augenblick. Morgen vielleicht

schon stürzen wir unglücklich und brechen uns das Genick.

Genauso ist es mit der Liebe. Sie kann von heute auf morgen vergehen,

sterben. Doch sie kann auch

lange leben, wenn wir ihre Freiheit verstehen und achten. Eins ist

allerdings wichtig: Wir werden sie

schnell verlieren, wenn wir versuchen, sie anzubinden und einzusperren.

Wir können ebenso versuchen,

Luft anzuketten. Die Liebe wird nur über unsere Dummheit lachen und zu

den Menschen weiterfliegen,

die ihr freies Wesen besser verstehen."

"Mein Herz gibt Dir recht. Doch mein Verstand findet keine

befriedigende

Antwort auf die Frage, warum

die Menschen dennoch so oft die Liebe ihrer Freiheit berauben..."

"Die Antwort ist einfach: Die allermeisten Menschen haben grosse Angst

vor der Freiheit. Sie reden

gern von ihr, aber sie fürchten sich davor, sie zu leben. Deshalb

verspüren sie auch Angst vor der Liebe,

diesem schönsten und geheimnisvollsten Kind der Freiheit. Sie fürchten

seine Unabhängigkeit, die

Macht seines Zaubers - und seine Schönheit. Doch zugleich sehnen sie

sich sehr danach. Es kommt zu

einem Kampf zwischen Angst und Sehnsucht. Bei den meisten Menschen

siegt

die Angst. Deshalb

versuchen sie, den Zaubervogel Liebe in den Käfig ihrer Angst zu

locken,

wo er seine magischen

Federn verliert, wo er zu singen aufhört - und schliesslich stirbt.

Dann

raufen sie sich die Haare und

fragen sich verzweifelt, was sie falsch gemacht haben. Vielleicht ahnen

sie es sogar. Doch beim

nächstenmal begehen sie den gleichen Fehler.

Ja, so sind die Menschen: Zuverlässig in ihren Irrtümern, stark in

ihrer

Angst, beharrlich in ihrer

Ahnungslosigkeit. Sie haben die Liebe bekommen - dieses göttliche

Geschenk. Und sie wissen

so wenig damit anzufangen....."

 

                                 

Schmetterlingsträume

Es war einmal eine kleine Raupe.

Sie fraß sich von Blatt zu Blatt, und von Tag zu Tag.

Eines Morgens aber fragte sie sich, ob sie denn so weiterleben wollte,

wie sie eben so lebte. Das konnte doch nicht alles sein, oder?

Also ließ sie die Blätter Blätter und die Tage Tage sein und baute sich

einen bequemen Kokon, in dem sie darüber nachdenken wollte, was

sie an ihrem so gewöhnlichen Leben ändern konnte.

"Hui, hier ist es aber dunkel!", fand sie, als sie sich verpuppt hatte,

aber es war auch ein wenig angenehm, einfach nur in einem Kokon zu

liegen und die Welt da draußen vorüberziehen zu lassen. Und während

die Raupe über sich nachdachte, wurde sie plötzlich sehr müde und

fiel in einen tiefen Schlaf. Der reichte der Raupe seine kräftige

Hand

und führte sie in die Welt der Träume. Der Schlaf zog sie durch gold

schimmernde Dörfer und

üppige Wälder, bis er die kleine Raupe schließlich an einer einsamen

Weggabelung mit ihrem

Traum alleine ließ.

"Geh nicht weg! Ich weiß ja gar nicht, wo ich bin!", rief sie dem

Schlaf hinterher, doch ihre

Stimme fand kein Ohr mehr, das ihr zuhörte.

"Und jetzt?", fragte sie sich endlich. Eigentlich wollte sie nicht

mehr dorthin zurück, woher sie

gekommen war. Denn - wie gesagt - hatte die kleine Raupe beschlossen,

ihr Leben gründlich zu

ändern.

"Ich hab´s!", rief sie nach einer Weile. "Ich brauche ein Ziel!"

Vielleicht gab es ja einen

Wegweiser, hoffte sie. Tatsächlich entdeckte sie ein Schild, doch es

stand nicht mehr da, wo es

einstmals hingehört hatte, sondern lag vom Sturm der Zeiten geknickt

mitten auf dem Weg.

"Zufriedenheit" und "Glück" las sie auf dem halb verwitterten

Wegweiser. Das hörte sich ja

nach verlockenden Zielen an. Doch es nutzte ihr nichts, daß sie in

ihren jungen Jahren Lesen

und Schreiben gelernt hatte, denn es konnte der rechte oder der linke

Weg gewesen sein, den

das Schild gemeint hatte.

Da wurde die Raupe ärgerlich und schimpfte auf den Sturm der Zeiten.

"Wie kann ich nur herausfinden, welcher Weg zu Glück und

Zufriedenheit

führt?", überlegte sie

schließlich.

Führten Zufriedenheit und Glück überhaupt in die gleiche Richtung?

Und: Ist der Weg dorthin

auch sicher und bequem? Denn der Weg, den sie gehen wollte, sollte so

einfach wie möglich

sein. Und natürlich wollte sie sicher sein, am Ende das Glück und die

Zufriedenheit auch

tatsächlich zu erreichen.

Viele Tage grübelte die kleine Raupe über diese Fragen nach, blickte

abwechselnd nach rechts

und nach links, trippelte ein paar Schritte in die eine Richtung, nur

um wenig später an den

Steinen des anderen Weges zu schnuppern. Sie lugte um die ersten

Wegbiegungen und hielt

ängstlich nach unbequemen Hindernissen Ausschau. Schließlich

entschied

sich ihr Verstand für

den rechten Weg.

Also drehte sie ihre winzigen Füße nach rechts und marschierte frohen

Mutes durch die Welt.

Sie wanderte und wanderte. So vergingen Sommer, Herbst und Winter.

Doch als der Frühling

die Bäume mit frischem Grün behängte, hatte sie das Ziel ihres Lebens

noch immer nicht

gefunden. Ihr Verstand sagte ihr Morgen für Morgen, daß sie doch

zufrieden sein könne, aber

ihr Herz weinte Abend für Abend heimliche Tränen. Tatsächlich

beschlich sie von Zeit zu Zeit

das Gefühl, daß etwas nicht stimmte. War sie wirklich zufrieden, oder

betrog sie sich einfach

nur selbst?

Da fiel ihr plötzlich ein, daß sie einmal gehört hatte, sie sei

geboren worden, um eines Tages zu

einem wunderschönen Schmetterling zu werden. Und nun - stolperte sie

immer noch als grüne

Raupe über einen staubigen Weg.

"Na ja, vielleicht bin ich eben doch nicht geboren, um ein

Schmetterling zu werden", redete sie

sich ein.

"Du wolltest ja gar kein Schmetterling werden!", meldete sich ihr

Verstand. Verdutzt blieb die

Raupe stehen.

Da hörte sie mit einem Mal ein Klopfen, das ihre Schritte die ganze

Zeit übertönt hatten. Es war

ihr Herz, das zu ihr sprach: "Mich hast du ganz vergessen. Schon

lange

wollte ich dir etwas

sagen, aber du hast nur auf deinen Verstand gehört, bloß weil ich

dich

ein paarmal enttäuscht

habe. Es liegt mir eben nicht, so weit in die Zukunft zu schauen wie

dein Verstand. - Doch

hättest du schon lange ein blau-getupfter Schmetterling sein können,

oder vielleicht ein rot-weiß

gestreifter, wenn du auch auf mich gehört hättest."

Die kleine Raupe staunte über die Worte ihres Herzens. "Und wie hätte

ich deiner Meinung nach

ein Schmetterling werden können?", fragte sie neugierig.

"Erinnerst du dich noch an die Wegkreuzung, an die dich der Schlaf

geführt hat? Weißt du

noch, wie du auf den Sturm der Zeiten geschimpft hast, der den

Wegweiser so übel zugerichtet

hatte?"

Die kleine Raupe nickte.

"Der Sturm der Zeiten wehte - lange bevor die ersten Raupen hierher

kamen - über das Land

und schenkte auf diese Weise den Raupen die Freiheit, selbst zu

entscheiden, wo Glück und

Zufriedenheit zu finden sind. Aber ich will dir etwas verraten, wenn

du möchtest", meinte das

Herz geheimnisvoll.

"Nun sag schon!", erwiderte die kleine Raupe ungeduldig.

"Der Wegweiser zeigte einst auf die bunte Wiese voller Blumen, die du

gar nicht beachtet hast,

wenn ich mich recht erinnere. Du hast dich bloß gefragt, ob du den

rechten oder linken Weg

nehmen sollst. Den rechten und auch den linken Weg sind schon viele

Raupen gegangen. Doch

weißt du, Schmetterlinge sind nicht auf vorgezeichnete Wege

angewiesen. Sie fliegen ihren

eigenen Weg - nicht vom Verstand geführt, denn sie folgen ihrem

Herzen, schweben hinaus auf

eine Wiese bunter Blumen. Suche deinen Weg nicht allein mit deinem

Verstand, der nach

Sicherheit sucht und am liebsten auf ausgetretenen Pfaden wandert, um

es allen irgendwie recht

zu machen. - Es ist nie zu spät, den Weg des Herzens zu gehen. Und

wenn du eines Tages den

Sinn des Lebens finden solltest, so findest du ihn - in deinem

Herzen!"

"Jetzt reicht es mir aber!", rief der Verstand ärgerlich. "Du willst

doch nicht sagen, daß du

wichtiger bist als ich!"

"Genau das!", erwiderte das Herz.

"Ich bin mindestens so wichtig wie du", schmollte der Verstand.

Da begann die kleine Raupe laut zu lachen. "Wißt ihr was, ihr zwei?

Ich glaube, ich brauche

euch beide. - Wollt ihr mir nun helfen, ein Schmetterling zu werden?"

Die beiden nickten schuldbewußt.

"Und du wirst mich nicht einfach wieder vergessen?", fragte ihr Herz.

"Versprochen", antwortete die kleine Raupe fröhlich.

Als die Raupe erwachte, hatte sich etwas verändert. Sie spürte es

genau. Warum war es

eigentlich so dunkel? Da erinnerte sie sich an den Kokon, den sie

gebaut hatte, um über ihr

Leben nach-zudenken. Ob sie wirklich zu einem Schmetterling geworden

war, während sie

geträumt hatte?

Sie fühlte ein Kribbeln freudiger Erwartung in ihrem Bauch, als sie

die Tür ihres Kokons

öffnete. Ein weiter Himmel von kräftigem Blau strahlte ihr entgegen.

Vorsichtig bewegte sie ihre

zarten Flügel und schwebte in Richtung Sonne davon. Sie konnte

fliegen! Fliegen!

Unbekümmert tanzte sie über den Pflanzenteppich. Prächtige

Löwenmäulchen und hohe

Glockenblumen freuten sich mit dem jungen Schmetterling und öffneten

ihre duftenden Blüten,

um ihm ein wenig von ihrem Nektar zu schenken.

                 

            

DER SCHLÜSSEL

Ein Mann, der alle Menschen durch seine innere Freiheit

beeindruckte, wurde gefragt, was ihn von den anderen

unterscheide.

"Im Grunde nichts. Ich habe nur meinen Schlüssel benutzt,

das ist alles", sagte er.

Auf die Frage, wie er das meine, antwortete er: "Die

Menschen gehen in Ketten durchs Leben. Aber sie haben

alle auch einen Schlüssel, mit dem sie sich befreien können -

sie wissen es nur nicht. Sie suchen ihn überall, nur nicht in

sich selbst."

                

Ein alter Mann bekam Besuch von der Zeit und nutzte die

Gelegenheit, sie zu fragen, warum die Tage immer kürzer

werden, je älter ein Mensch wird.

"Es sind die Illusionen, die den Tag lang erscheinen lassen",

erklärte die Zeit. "Mit dem Älterwerden verliert der Mensch

seine Illusionen - auch die Illusion, daß ich langsam

vergehe,

denn in Wahrheit bin ich immer in Eile."

"Doch manchmal bleibst du stehen", wandte der alte Mann ein.

"Ja", sagte die Zeit und lächelte, "wenn die Liebe sich mir

in

den Weg stellt."

                 

 

Das Märchen von der traurigen Traurigkeit

Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam. Sie war wohl schon recht alt,
doch ihr Gang war leicht, und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten
Mädchens.

Bei einer zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel
erkennen. Das Wesen, das da im Staub auf dem Wege saß, schien fast körperlos. Sie erinnerte an
eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen. Die kleine Frau bückte sich ein wenig und
fragte: "Wer bist du?"

Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. "Ich? Ich bin die Traurigkeit", flüsterte die Stimme
stockend und leise, daß sie kaum zu hören war.

"Ach, die Traurigkeit!" rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte grüßen.

"Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit mißtrauisch.

"Natürlich kenne ich dich! Immer wieder hast du mich ein Stück des Weges begleitet."

"Ja, aber...", argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn
keine Angst?"

"Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, daß du
jeden Flüchtling einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?"

"Ich... bin traurig", antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme.

"Die kleine alte Frau setzte sich zu ihr. "Traurig bist du also", sagte sie und nickte verständnisvoll
mit dem Kopf. "Erzähl mir doch, was dich so bedrückt."

Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie
sich das schon gewünscht. "Ach, weißt du", begann sie zögernd und äußerst verwundert, "es ist
so, daß mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu
gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme,
schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest." Die Traurigkeit
schluckte schwer. "Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen:
Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und
Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie
sagen: Man muß sich nur zusammenreißen. Und spüren das Reißen in den Schultern und im
Rücken. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre
Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen
müssen."

"Oh ja", bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir schon oft begegnet."

Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Und dabei will ich den Menschen
doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe
ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne
Haut. Manches Leid bricht wieder auf, wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh.
Aber nur, wer die Trauer zuläßt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden
wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, daß ich ihnen dabei helfe. Statt dessen
schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer
aus Bitterkeit zu." Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und
schließlich ganz verzweifelt.

Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich
und sanft sie sich anfühlte, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. "Weine nur,
Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du
sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit
nicht noch mehr an Macht gewinnt."

Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue
Gefährtin: "Aber ... aber - wer bist eigentlich du?"

"Ich?" sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd, und dann lächelte sie wieder so unbekümmert
wie ein kleines Mädchen:

"Ich bin die Hoffnung."

                                        

 

Meine Begegnung mit dem kleinen Schmetterling

"Kleiner Schmetterling,"
fragte ich,
"was trägst du doch für schöne Farben",
und wollte sanft über seine Flügel streichen,
denn begreifen heißt glauben.

"Nicht doch",
rief er und flatterte ganz aufgeregt.
"Du mußt wissen, das ist der Staub
der Träume, der Phantasie und der Liebe.
Nur mit ihm kann ich fliegen,
und ohne ihn muß ich sterben.
Doch wenn du ihn berührst,
wirst du die Träume wecken,
der Phantasie die Farben nehmen
und Liebe in Angst und schrecken versetzten."

"Oh, das wußte ich nicht",
sagte ich und zog meine Hand zurück.
"Schade. Solchen Staub, den hätte ich auch gerne."

"Hast du doch",
sagte der Schmetterling, und öffnete seine Flügel.
Zwei grüne Augen blickten in die meinen.
"Was ich auf den Flügeln trage,
trägst du in deinem Herzen."

 

 

 

Es war eine Nacht
wie schon viele zuvor,
der Himmel war klar
und der Mond stand da,
dort wo er immer steht
und darauf wartet das die nacht dem Ende zugeht.

Doch heute war es anders
heute blitzten die Sterne
hoch oben in der unendlichen Atmosphäre.

Ein kleiner Stern,
gleich neben dem Mond
stupst ihn leicht an und fragt:
"du Mond,
fühlst du dich nicht manchmal einsam?
Du leuchtest für diese Erde jede Nacht,
hat dir denn schon jemand einmal dafür
seinen dank gesagt?"

Der große Mond
dreht sein rundes Gesicht
zum kleinen sSernenlicht
und seine Augen fallen zu
sein Licht erlischt
sein letzter Atemzug:
"du hast recht,
für die Menschen bin ich selbstverständlich,
sie haben verlernt dinge zu schätzen

 

Der Wunsch

Manches Mal, wenn sich seine Freunde darüber unterhielten, was in

ihrem Leben ihr größter Wunsch war, so

wunderte er sich über die Antworten, die die verschiedenen

Personen

gaben.

Der eine wünschte sich ein Haus mit großem Garten und einem

Swimmingpool, der nächste wünschte sich, reich

zu sein, der andere äußerte vielleicht den Wunsch, berühmt zu

sein,

der vierte hatte schon immer gewünscht,

malen zu können, und der letzte sagte, er habe schon immer den

Mount Everest besteigen wollen.

Wenn es dann zu ihm kam, fragte er sich, wie die anderen reagieren

würden angesichts seines Wunsches. Er

fragte sich, ob sie ihn für langweilig halten würden.

Sein Wunsch hatte nichts exotisches, nichts abenteuerliches. Auch

hatte er nichts mit Wertgegenständen zu tun,

noch wünschte er sich etwas zu sein, was er nicht war, oder etwas

zu können, wozu er kein Talent hatte.

Was das anbelangte, so war er zufrieden mit dem, was er hatte, und

sofern er es nicht hatte, so wußte er doch,

dass Fleiss, Ehrgeiz und der nötige Wille ihm das bescheren

konnten. Wozu sollte er sich ein Haus wünschen,

wenn alles, was er dafür tun mußte, arbeiten, sparen und

vielleicht

einen Kredit aufnehmen war? Wozu sollte er

sich wünschen, den Mount Everest zu besteigen, wenn alles, was er

dazu tun mußte, war, sich auf den Weg zu

machen?

Und dennoch wußte er, dass, wenn er den Wunsch aussprechen würde,

seine Freunde ihn verständnislos

anblicken würden. Vielleicht würde der eine oder andere denken,

was

das denn für ein Traum sei.

Nun vielleicht konnten sie es wirklich nicht verstehen, da ihnen

das, wonach es ihn verlangte, möglicherweise wie

etwas vollkommen alltägliches erschien, etwas, das man nicht

weiter

erwähnen mußte, etwas, das nichts

besonderes war, jedenfalls nicht besonders genug, um dies zu

seinem

Wunsch zu machen, wenn man denn dann

einen frei hätte.

Nun waren sie soweit, dass alle, die am Tisch saßen, ihren Wunsch

geäußert hatten. Nun war es soweit, dass

sie ihn anblickten, erwartungsvoll, gespannt.

Sein Tischnachbar stieß ihn in die Seite. "Hey, du bist dran,

Mann", sagte er. "Was ist dein größter Wunsch?"

Er setzte an, blickte in die Gesichter, die Augenpaare, die

allesamt gebannt auf seinen Mund starten, der sich

öffnete, dem aber trotzdem nicht eine Silbe entschwand.

"Na, du wirst doch wohl wissen, was du dir am sehnlichsten

wünschst", erklang wieder die Stimme seines

Tischnachbarn. "Darüber wirst du doch schon einmal nachgedacht

haben."

Immer noch blickte ihn alle an. Immer noch warteten sie gespannt

auf den Wunsch dieses einen Mannes, der

sich bislang nicht geäußert hatte. Sicherlich fragten sie sich, ob

er sich ebenfalls ein Haus wünschte, Reichtum,

Ruhm, vielleicht eine Nacht mit einem Starlett, vielleicht ewiges

Leben.

"Nun", begann er und blickte dabei zu Boden, um nicht in ihre

erwartungsvollen Augen schauen zu müssen, die

gleich verständnislos dreinblickend sich einem anderen Thema

widmen

würden, um diese Blamage nicht weiter

diskutieren zu müssen. "Wenn ich einen Wunsch frei hätte..."

Er konnte es nicht. Er konnte es ihnen nicht sagen. Das war ein

Männergespräch, verflucht. Sie erwarteten doch

förmlich, dass er nun sagen würde, er habe sich schon immer

gewünscht, mit drei Frauen gleichzeitig zu

schlafen, oder einen Palast von einem Haus zu besitzen, wo jeden

Morgen der Butler ihn weckte, um ihm als

erstes seine Pantoffeln zu reichen, damit er sich auf dem kalten

Marmorboden keinen Schnupfen holte.

Sie würden ihn sicherlich für eine Memme halten, wenn sie seinen

Wunsch gehört hatten. Das war doch nichts,

das sich ein Mann wünschte, geschweige denn, es offen

auszusprechen. Das war ein Frauenwunsch. Vielleicht

würden sie sich sogar fragen, ob er homosexuell war. Sicherlich

würde sein Nachbar in dann nicht mehr in die

Seite stossen, sondern eher ein Stück von ihm abrücken.

"Lass dir doch nicht die Worte einzeln aus der Nase ziehen",

meinte

ein anderer, der am anderen Ende des

Tisches saß. "So schlimm wird es ja wohl nicht sein. Und wenn du

nun sagst, du habest schon immer in einem

Pornofilm mitspielen wollen, werden wir auch nicht lachen."

Tatsächlich aber lachten in diesem Moment alle über den gelungenen

Witz. Nun vielleicht sollte er einfach sagen,

dass genau dies immer schon sein Wunsch gewesen sei. Auf der

anderen Seite lag ihm dies so fern wie sonst

was. Und auch wenn ihn die anderen nicht verstehen würden, so

wollte er doch kein Lügner sein, der nicht zu

dem stand, was er dachte oder empfand.

Vielleicht ging es ja auf die humorige Art. Und so sagte er:

"Pornostar klingt schon nicht schlecht, doch mir würde

es genügen, einen Menschen zu finden, der mich liebt."

So, nun war es raus. Nun hieß es wieder den Kopf nach unten,

einmal

um ihren Blicken auszuweichen, zum

anderen um ein wenig in Deckung zu gehen, bevor ihm die Bierdeckel

um die Ohren flogen.

Doch es kam kein Lachen und auch kein Bierdeckel traf sein Kopf.

"Wie meinst du das", fragte statt dessen

einer.

Er blickte wieder auf und blickte nicht in hämische,

verständnislose Augen, sondern in Augen, die nach wie vor

neugierig waren, dieses mal aber auf eine andere Art, eine

menschlichere Art.

"Für mich sind Dinge wie ein Haus, Geld, die Fähigkeit, ein

Instrument zu spielen, oder einfach nur einen Ort zu

besuchen und zu sehen, alles Dinge, von denen ich nicht träumen

muss, sondern die ich haben kann, wenn ich

sie nur stark genug will. Schließlich hält mich niemand ab,

Klavierstunden zu nehmen, wollte ich das spielen

können. Und ebenso wenig hindert mich jemand daran, mich in einen

Flieger zu setzen und zum Grand Canyon

zu fliegen, wenn ich ihn einmal sehen möchte. Das einzige, was ich

jedoch nicht aus eigener Kraft schaffen kann,

sondern zu dem ich einen anderen Menschen und wahrscheinlich

unendlich viel Glück benötige, ist, wenn ich die

Liebe eines anderen haben will, die ohne wenn und aber auskommt."

Nun waren sie es, die die Köpfe neigten. Vielleicht, weil sie

erkannt hatten, wie töricht ihre Wünsche eigentlich

waren. Vielleicht aber auch, weil sie merkten, dass es ihnen nicht

anders ging.


 


   

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